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Etwas weniger als die Hälfte der Wochen im Jahr tagt der Deutsche Bundestag. Dies sind die so genannten Sitzungswochen. Die restliche Zeit ist dafür vorgesehen, dass sich die Abgeordnete des Deutschen Bundestages in Ihren Wahlkreisen aufhalten, um sich dort um die Belange der Bürgerinnen und Bürger vor Ort zu kümmern.
Im Regelfall reise ich am Sonntagabend oder Montagmorgen aus Lippe nach Berlin an. Am Montag finden in unregelmäßigen Abständen Anhörungen von Ausschüssen, Diskussionen in Enquete-Kommissionen und Vorbesprechungen von Fraktionsarbeitsgruppen oder Klausursitzungen statt. Am Montagnachmittag tagen die Vorstände der Fraktionen. Hier werden wichtige Weichen gestellt für die Plenarwoche, werden mögliche Konflikte analysiert und die eigenen strategischen Linien abgestimmt. Da ich nicht dem Vorstand angehöre, bleibt mir hier Zeit, mit meinen Mitarbeitern das Wochenprogramm zu besprechen, Arbeitsaufträge zu verteilen sowie Post und Drucksachen durchzusehen. Anschließend stehen häufig Treffen mit Kollegen, Interessensvertretern oder Journalisten auf dem Programm.
Im Arbeitsrhythmus des Parlaments gehört der
Dienstag zum ersten „Großkampftag". Denn an diesem Tag tagen nicht nur
viele Fraktionsarbeitsgruppen und Ausschüsse, in denen die eigentliche
Gesetzesarbeit geleistet wird, sondern am Nachmittag auch die
Fraktionen. Die Vollversammlung der jeweiligen Fraktion ist ein „Muss"
für jeden Abgeordneten. Denn sie ist eine große Informations- und
Stimmungsbörse. Hier wird über Inhalt und Taktik der eigenen Politik
diskutiert, über die Stimmungslage in den Wahlkreisen referiert, über
parlamentarische Vorhaben und Initiativen befunden und über Rednerlisten
entschieden. Zwischen der Sitzung der Arbeitsgruppe, in meinem Fall die
Arbeitsgruppe Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, und der
Fraktionssitzung am Nachmittag findet in Sitzungswochen zumeist die
Mittagskoordinierung des Netzwerks statt. Das Netzwerk ist ein
Zusammenschluss jüngerer Abgeordneter der SPD Bundestagsfraktion.
Am Dienstagabend trifft sich dann traditionell die Landesgruppe der Nordrhein-Westfälischen SPD-Bundestagsabgeordneten. Hier werden wichtige Themen besprochen, die für Nordrhein-Westfalen von Bedeutung sind. In Landesgruppen haben sich die Abgeordneten nach Parteizugehörigkeit und Landsmannschaft zusammengeschlossen, um im Parlament eine gemeinsame „Heimat" zu haben und mit möglichst viel politischem Gewicht die Interessen ihres Bundeslandes zu vertreten.
Der Mittwoch ist der Tag der Ausschüsse. In meinem Fall ist das der
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Hier versammeln
sich die Fachpolitiker aller Fraktionen, um über die Details der
Gesetzgebung zu sprechen, zu debattieren und abzustimmen. Fast rund um
die Uhr tagen die über 20 Ausschüsse des Bundestages. Beginn ist morgens um 8.30 Uhr, spät abends brennt oftmals immer noch das Licht im
Paul-Löbe-Haus, wo sich die Sitzungssäle der Ausschüsse befinden. Die
Arbeit an den Gesetzen ist aufwendig, da die Materie oft komplex und
schwierig ist. Wer sich nicht auf andere verlassen will, muss sich
selbst sachkundig machen. Am frühen Nachmittag beginnt dann das Plenum
des Deutschen Bundestages. Zunächst findet die Befragung der
Bundesregierung statt, anschließend die Fragestunde. Beide
Tagesordnungspunkte stellen wichtige Kontrollrechte vor allem der
Opposition dar. Hinzu kommen Aktuelle Stunden. Meist ist auch nach den
Ausschuss- und Plenarsitzungen nicht Schluss. In meinem Terminkalender
stehen danach häufig Vorträge, Gespräche und Diskussionsrunden zu
energiepolitischenThemen.
Der Donnerstag ist der zweite „Großkampftag" der Sitzungswoche. Ab
9 Uhr beginnt das Plenum des Deutschen Bundestages zu tagen. Meist
mit einer ellenlangen Tagesordnung, die nicht selten eine Sitzungszeit
von morgens neun Uhr bis in den späten Abend, bisweilen sogar bis nach
Mitternacht bedingt. Das Themenspektrum ist gewaltig. Von der
Außenpolitik bis zum wohnungspolitischen Strukturwandel in den neuen
Ländern, von der Geschäftsordnungsdebatte bis zum
Finanzausgleichsgesetz. Nicht jeder Abgeordnete kann zu jeder
Einzelfrage kompetent sein. Das Parlament funktioniert in dieser
Hinsicht wie die gesamte Gesellschaft: arbeitsteilig. Deshalb sind auch
nicht immer alle Abgeordneten im Plenarsaal, zumal einige Ausschüsse
noch parallel zum Plenum tagen. In meinem Büro kann ich mich über das
Parlamentsfernsehen informieren, wie die Debatten verlaufen und kann,
wenn es notwendig ist, innerhalb weniger Minuten im Plenum sein.
Am Wochenende warten im Wahlkreis häufig die Ortsvereine der SPD oder der Kreisverband mit Diskussionsveranstaltungen auf „ihren" Abgeordneten. Zudem sollen alle Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit bekommen, persönlich mit dem Abgeordneten zu sprechen. Hierfür gibt es die Bürgersprechstunden, die manchmal auch am Wochenende stattfinden.